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    >> Die Reihe „Klimalösungen“ ist auch als Podcast und E-Book erhältlich.


    Von Stephen Hart und Andrew Neill

    Die Natur ist der Dreh- und Angelpunkt stabiler Kohlenstoff-, Wasser- und Energiekreisläufe. Oft übersehen wir die mikroskopisch kleinen Verbindungen und erfassen das Gesamtbild nicht – wie alles miteinander verwoben ist und ineinandergreift. Es ist ein anpassungsfähiges System, das sich entwickelt und gewandelt hat, verändert durch menschliche Eingriffe ebenso wie Naturkatastrophen. Aber wir dürfen diese Anpassungsfähigkeit nicht für unendlich halten.

    Was wir konsumieren und verbrennen, legt sich wie eine Decke um den Planeten, sickert in die Meere und durchdringt unsere Körper und alle anderen Lebewesen. Wir haben bereits viele Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und Naturkreisläufen zerstört. Unser wirtschaftlicher Fortschritt geht einher mit einer leichtfertigen Missachtung der Kosten für die Umwelt. Die Menschheit kann aber ohne die Natur nicht überleben und ist genauso verwundbar wie sie. Zudem hat die Natur auch starke Auswirkungen darauf, wie wir unseren Platz in der Welt wahrnehmen.

    Wir haben die Chance, biologische Vielfalt und unser Wohlergehen neu zu verbinden. Die Entscheidung zwischen innovativen, erfolgreichen Gemeinwesen und der natürlichen Welt ist ein falsches Dilemma; aber zunächst müssen wir verstehen, wie alles zusammenhängt. Wenn wir in die Biodiversität und ihren Erhalt investieren, erweitern wir unseren wirtschaftlichen Denkrahmen. Die biologische Vielfalt und deren Verbindungen sind unsere natürliche Infrastruktur. Sie sind für die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten genauso wichtig wie unsere Infrastruktur aus Beton, Stahl und Glasfaserkabeln.

    In diesem Essay liefern wir einen neuen Denkansatz für Entscheider. Wir ergänzen uralte Wahrheiten um die Dringlichkeit der Klimakrise, neueste Erkenntnisse und wichtige Entwicklungen im Bereich grüne Finanzierungen.

    Gesunde Böden mit einer robusten Vegetation wirken beim vertikalen Transport von Wasser und Wärme wie ein Kühlsystem.

    • 12 Januar 2019

    Ökosystemingenieure

    Die Fähigkeit der Natur, alle Lebensräume auf der Erde zu erobern und beständig zurückzuerobern, hat sich mit der Biodiversität entwickelt. Die Baumeister der Natur schaffen sich ihre Lebensräume und damit die Grundlage für weiteres Leben, auch unseres. Sie sind die Ökosystemingenieure. Wir erklären, wie sie arbeiten.

    In natürlichen Landschaften schaffen große Pflanzenfresser, Biber und Wildschweine wechselnde Muster aus offener und dichter Vegetation, gestalten Flussläufe und bearbeiten die Erde. Sie lassen Lebensräume für andere Pflanzen und Tiere entstehen, die ihrerseits eine wichtige Rolle bei der Bodenbildung und beim Recycling von Nährstoffen spielen.

    Eine besondere Aufgabe kommt den Raubtieren zu: Sie beeinflussen das Verhalten von Pflanzenfressern, halten deren Populationen unter Kontrolle und verhindern damit Kahlfraß und die Zerstörung der Landschaft. In den heutigen Landschaften sind diese uralten Verhaltensweisen und Beziehungen nur noch selten zu beobachten. Viele Spezies leben mittlerweile an den Rändern ihrer ursprünglichen Lebensräume, weil die Wildnis mehr und mehr verschwindet.

    Böden sind das Verdauungssystem der Pflanzen. Sie speichern mehr Kohlenstoff als die Atmosphäre. Gesunde Böden mit einer robusten Vegetation wirken beim vertikalen Transport von Wasser und Wärme wie ein Kühlsystem. Im Boden gespeicherter Kohlenstoff wird, dank der Geologie und natürlichen Düngung, über Jahrzehnte – oder gar Jahrhunderte – von Pflanzen, Pilzen und anderen Mikroorganismen gebunden. Naturwälder schaffen lokale Klimasysteme und schützen riesige Ökosysteme und unterirdische Kohlenstoffspeicher.

    Die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Meerwassers machen die Ozeane zu den wichtigsten Wärme- und Kohlendioxidsenken. Aber das Leben im Meer spielt dabei eine entscheidende Rolle. Plankton beispielsweise produziert die Hälfte des Sauerstoffs weltweit und bindet Kohlenstoff, wenn es abstirbt und auf den Meeresboden herabsinkt. Es bildet auch die Grundlage für ein Nahrungsnetz, das sich die Flüsse entlangzieht bis hin zu Vögeln und Tieren an Land, und damit Nährstoffe wieder zurückführt.

    Wale ernähren sich in der Tiefe und düngen das Plankton. Obgleich durch die Jagd dezimiert, übernehmen sie damit neben physikalischen Prozessen und anderen Spezies wie Krill eine wichtige Aufgabe beim Recycling und der Weiterverteilung von Nährstoffen und beim Klimaschutz.

    ©Phillipe Bourseiller

    Zerstörung natürlicher Infrastruktur

    Diese natürliche Infrastruktur nimmt Schaden, weil wir sie nicht genug schützen und ihr nicht den nötigen Raum lassen. Wenn die natürlichen Regulatoren der Kohlenstoff-, Energie- und Wasserkreisläufe versagen, wird gespeicherter Kohlenstoff freigesetzt, der nicht durch natürliche Prozesse wieder absorbiert werden kann. Das verstärkt die Wirkung der menschlichen Treibhausgasemissionen zusätzlich.

    Die natürlichen Verbindungen zu ersetzen, kann teuer werden oder sich als unmöglich erweisen. Wir sollten uns bewusst machen, was auf dem Spiel steht, wenn wir jetzt nicht handeln. Um die finanziellen Kosten zu ermessen, können wir versuchen, die Bedeutung der Natur für unsere Volkswirtschaften zu quantifizieren.

    Ein gutes Beispiel ist die Bestäubung von Nutzpflanzen, auf die wir weltweit beim Obst- und Gemüseanbau angewiesen sind. Wir brauchen gesunde, stabile Populationen vieler Insektenarten, um die Ernährung zu sichern und eine wachsende Bevölkerung angemessen zu ernähren. Andernfalls müssen wir die Kosten tragen, die durch die Störung des Nahrungssystems entstehen. Weltweit leisten Pflanzen bestäubende Insekten einen Beitrag von 150 Milliarden Euro pro Jahr – durch natürliche Biodiversität zu sehr geringen Kosten. Aber die Insektenpopulationen gehen stark zurück, und das ist besorgniserregend.

    Wir können auch versuchen, den Gesamtwert der Leistungen zu erfassen, den die weltweiten Ökosysteme für die Wirtschaft erbringen – die sogenannten Ökosystemleistungen. Für jene Ökosystemleistungen, denen ein finanzieller Wert zugerechnet werden kann, wird der Beitrag auf 125 Billionen bis 140 Billionen US-Dollar jährlich geschätzt. Die Ökosysteme sind aber so komplex, dass wir nicht immer verstehen, welche Fäden im Teppich der Natur für das Gesamtbild am wichtigsten sind. Und wir können auch nicht vollständig erfassen, welche Konsequenzen ihr Verlust hat.

    Der Weltbiodiversitätsrat weist in seinem wegweisenden Bericht 2019 darauf hin, dass eine Million Arten unmittelbar vom Aussterben bedroht sind. Die Folgen für die Menschheit werden gewaltig sein. Der Verlust an Vielfalt zeigt sich bereits innerhalb der Arten in Form einer geringeren genetischen Vielfalt, unter anderem bei Grundnahrungsmitteln. Dadurch büßen Nutzpflanzen und ‑tiere zunehmend ihre natürliche Widerstandskraft gegen Krankheiten und den Klimawandel ein.

    Die größte Belastung für die Natur und ihre biologische Vielfalt sind die veränderte Bodennutzung, das Bevölkerungswachstum und die ineffiziente Ressourcennutzung. Die Natur braucht Platz. Nur dann hat sie eine Chance, sich an den Klimawandel anzupassen. Und der Klimawandel wird in den nächsten Jahrzehnten neben der Bodennutzung ein Hauptgrund für das Aussterben von Arten sein – weil viele Regionen bald nicht mehr in Temperaturzonen liegen, in denen ihre Ökosysteme überleben können.

    We need healthy, stable populations of multiple pollinator species to ensure food security.

    Klimawandel und Bodennutzung

    Wir bewirtschaften unsere Böden nicht nachhaltig. Bodendegradation ist zwar an sich nichts Neues. Es gab sie hier und dort schon zu allen Zeiten. Aber durch den Bevölkerungsdruck, den Welthandel und die intensive mechanische Bodenbearbeitung im 20. Jahrhundert haben sich die Degradation und der Verlust an bestellbarem Boden beschleunigt und zu einem globalen Phänomen entwickelt. 23 Prozent unserer Böden sind nicht mehr so produktiv wie früher, und der Anteil wächst.

    Die intensive industrielle Ausbeutung der Böden hat der Landwirtschaft hohe Erträge gebracht; aber sie verändert die Bodenstruktur und das Leben in der Erde so, dass Kohlenstoff wieder freigesetzt wird und in die Atmosphäre gelangt. Außerdem ist dadurch eine Abhängigkeit von Energie, Chemikalien und Wasserentnahme entstanden. Heute sind die Böden vielfach nicht mehr in der Lage, Wasser aufzunehmen und zu speichern, sodass sie Dürren und Überschwemmungen schlechter abpuffern können. Hinzu kommen die Rodung von Wäldern und eine verfehlte Viehwirtschaft, die ebenfalls eine Kette aus Bodendegradation, Erosion und gestörtem Wasserhaushalt in Gang gesetzt haben.

    Durch die gezielte Rodung von Naturwäldern und häufigere Brände gehen unmittelbar Lebensräume verloren, und es werden gewaltige Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre freigesetzt. Erschwerend kommt hinzu, dass Bäume Krankheiten und Seuchen zum Opfer fallen, die mit dem globalen Handel und dem Klimawandel eingeschleppt werden. Wir müssen unsere Waldbestände schützen und sinnvoll aufforsten, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu stoppen.

    Wir müssen unsere Waldbestände schützen und sinnvoll aufforsten, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu stoppen.

    Die kommerzielle Forstwirtschaft kann nachhaltige Landschaften erhalten und Wachstum und Beschäftigung im ländlichen Raum fördern, wenn sie die Grundsätze der nachhaltigen Waldbewirtschaftung beachtet. Außerdem ist die Biomasse aus Wäldern eine wichtige erneuerbare Energiequelle. Die globale Nachfrage nach Holz, erneuerbaren Fasern und anderen Waldprodukten nimmt Jahr für Jahr um drei Prozent zu. Das liegt vor allem an der steigenden Nachfrage nach biologisch abbaubaren Verpackungen, Zellstoffprodukten und erneuerbarer Energie. Gleichzeitig deckt Holz einen guten Teil des Bedarfs an innovativen Biomaterialien wie CO2-speichernden Baustoffen und ersetzt damit andere Materialien, die mit hohem Energieaufwand hergestellt werden müssen.

    Wälder und sonstiger Baumbestand bedecken über 40 Prozent der Landfläche der EU. Durch Aufforstung und die natürliche Vegetationsfolge, beispielsweise auf Brachflächen, haben sich die Waldflächen in den vergangenen Jahrzehnten um jährlich rund 0,4 Prozent ausgedehnt. Auch der Holzbestand in der EU steigt, da nur 60 Prozent des Jahreszuwachses geschlagen werden. Staatliche Programme machen es möglich, Waldflächen rasch und in großem Stil aufzuforsten, aber wir müssen schneller handeln.

    ©Phillipe Bourseiller

    Schutz unserer Verbündeten im Meer gegen den Klimawandel

    Wale und andere Meeresbewohner leiden unter steigenden Temperaturen, dem sinkenden Sauerstoffgehalt im Wasser und der Versauerung der Ozeane durch CO2. Ökosysteme, vor allem küstennahe Gewässer und Korallenriffe, verändern sich durch die Überlastung mit Nährstoffen aus dem Boden und die Dezimierung von Raubfischen wie Haien, Thunfischen und Forellen. Mit dem Verlust von Seegraswiesen gehen mit die größten Kohlenstoffsenken weltweit verloren, die gleichzeitig Brutstätten für Meeresbewohner sind, darunter wichtige kommerziell genutzte Arten. Aber auch die Lärmbelastung, der Seeverkehr und die Schleppnetzfischerei fordern einen hohen Tribut.

    Die Polarregionen sind am stärksten betroffen. In der Arktis wird eine irreversible Kette von steigenden Temperaturen, schmelzenden Eismassen, dem Auftauen der Permafrostböden und der Versauerung der Ozeane in den nächsten zwei Jahrzehnten die Bedingungen an Land und im Wasser verändern – vermutlich schneller, als die dort heimischen Arten sich anpassen können.

    Plastik und Chemikalien belasten alle Teile des marinen Nahrungsnetzes, einschließlich uns selbst als Konsumenten. Schätzungsweise acht Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer. Sie bedrohen marine Ökosysteme und die Menschen, die für ihren Lebensunterhalt auf das Meer angewiesen sind. 90 Prozent der Plastikabfälle gelangen über zehn große Flusssysteme in die Meere – zwei in Afrika und acht in Asien. Rund zwei Milliarden Menschen weltweit haben nach wie vor keinen Zugang zu einer geregelten Müllentsorgung, und etwa drei Milliarden Menschen leben in Gegenden ohne kontrollierte Deponien. Viel Plastik stammt auch von Städten in Entwicklungsländern, in denen Abwässer nicht gesammelt und behandelt werden.

    Schätzungsweise acht Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer. Sie bedrohen marine Ökosysteme.

    In den kommenden zehn Jahren werden sich große Entwicklungs- und Investitionschancen in der Meeresenergie und marinen Biotechnologie, im Küstentourismus, Verkehr und in der Lebensmittelproduktion bieten. Da die Ozeane schon heute übermäßig ausgebeutet werden, muss die Priorität auf Geschäftsmodellen liegen, die auf Rekultivierung bedacht sind und zur Gesundung von Ökosystemen beitragen.

    Der Großteil der Ozeane liegt jenseits staatlicher Hoheitsgebiete, wo es einer komplexen internationalen Zusammenarbeit bedarf. Die Küstengebiete gehören jedoch zu den „küstennahen Wirtschaftszonen“, in denen die einzelnen Länder wirksame Maßnahmen und Regelungen treffen und eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben können. Aber auch der Finanzsektor kann eine wichtige Rolle spielen und eine nachhaltige Meereswirtschaft fördern.

    Die Finanzierungsgrundsätze der Europäischen Investitionsbank für eine nachhaltige blaue Wirtschaft setzen einen Rahmen für nachhaltige Investitionen im Meereskontext. Sie sollen sicherstellen, dass meeresbezogene Investitionen sich langfristig auszahlen, aber ohne negative Auswirkungen auf marine Ökosysteme, auf Bemühungen zur Minderung der CO2-Emissionen, auf Betriebe der Meereswirtschaft jeglicher Größe und auf Menschen, deren Lebensunterhalt davon abhängt. Die Grundsätze sollen außerdem die Konzeption geeigneter Finanzierungsinstrumente und Entwicklungsmodelle voranbringen, sodass sich nach und nach ein Bündnis von Finanzierungsinstitutionen bildet, die diese Grundsätze unterstützen.

    ©Phillipe Bourseiller

    Koexistenz und Biodiversität zu den Bedingungen der Natur

    Siedlungszentren waren von jeher eine Herausforderung für die Landschaft und die natürliche Umgebung. Wie der Biber hat der Mensch versucht, Flüsse zu zähmen, um ihre Unberechenbarkeit in den Griff zu bekommen und sie verlässlicher als Ressource nutzen zu können. Die Natur kann nur wachsen und gedeihen, wenn sich Landschaften frei entwickeln und verbinden können, und wenn wir den Raubbau und die Einleitung von Chemikalien in Böden, Flüsse und Meere stoppen.

    Es gibt verschiedene Konzepte für die künftige Bodennutzung, die nebeneinander bestehen und sich gegenseitig befruchten können. Ein Konzept, das sogenannte „Rewilding“, sieht vor, der Natur ihren Lauf zu lassen und den Einfluss des Menschen auf ein Minimum zu beschränken. Ein anderes zielt auf das Nebeneinander einer großen biologischen Vielfalt und menschlicher Aktivitäten in bewirtschafteten offenen und bewaldeten Landschaften und sogar in Städten. Wichtig ist: Wenn wir die Rückkehr zur Wildnis vorantreiben, müssen wir mit betroffenen Bevölkerungsgruppen zusammenarbeiten und mögliche Konflikte zwischen wild lebenden Tieren und Menschen berücksichtigen.

    Vor dem Hintergrund schwindender Ackerflächen und wachsender Umweltherausforderungen baut die Welt auf eine produktivere und effizientere Landwirtschaft und Agrarindustrie. 815 Millionen Menschen auf der Welt hungern, weitere zwei Milliarden sind bis 2050 von Unterernährung bedroht. Um sie alle zu ernähren, müssen wir dringend in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion investieren.

    Nur mit einer effizienteren und produktiveren Landwirtschaft und einer innovativen Bioökonomie kann es außerdem gelingen, Agrarflächen an die Natur zurückzugeben, damit sie sich erholen, und die Anpassung an den unvermeidlichen Klimawandel zu schaffen. Wenn wir mit weniger Einsatz mehr produzieren, Nebenprodukte nutzen und Abfälle verwerten, werden wir wettbewerbsfähiger, widerstandsfähiger gegen Klimaschocks und bilden nachhaltige Wertschöpfungsketten.

    Es gibt auch in der Landwirtschaft Methoden, die die Bodengesundheit wiederherstellen und dafür sorgen, dass die Böden das Wasser wieder besser aufnehmen können, was viele Vorteile bringt. Dabei müssen wir aber zwei Transformationsprozesse parallel steuern: den Wandel der Bodennutzung und den Weg zu einer neuen Existenzgrundlage für die vom Boden abhängigen Menschen. Dazu brauchen wir faire Lieferketten, von denen alle Beteiligten angemessen profitieren.

    Mit die größte Herausforderung sind das fest verankerte Eigentum und subventionsbedingt überhöhte Bodenpreise. Beides bremst den Transformationsprozess, selbst wenn die Opportunitätskosten einer anderen Bewirtschaftung gering sind, etwa wenn Böden bereits degradiert sind.

    Zusammenarbeit mit der Natur bringt neue Chancen und Risiken

    Ein Großteil der biologischen Vielfalt wird in den kommenden Jahrzehnten wohl verloren gehen. Das hat Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf die Natur. Wir müssen eine nachhaltige Wirtschaft und ein nachhaltiges Finanzsystem aufbauen, was neue Chancen und Risiken mit sich bringt. Wie wir mit Landflächen umgehen, sollte sich nicht nach den historischen Gegebenheiten richten. Vielmehr müssen wir aktiv Entscheidungen treffen, die auf der Gegenwart gründen und materiell den Kosten Rechnung tragen, die mit der Entwicklung und dem Erhalt der Natur verbunden sind.

    Investitionen in die natureigene Infrastruktur zur Klimaregulierung sind eine wichtige Komponente des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel. Nur so können wir auch den Trend umkehren und verhindern, dass weiter große Mengen an Kohlenstoff aus natürlichen Speichern freigesetzt werden. Die Arbeit mit der Natur bei der Wasser- und Wärmeregulation ist auch ein wichtiges Mittel, um eine lebenswerte Umwelt zu erhalten – regional ebenso wie lokal, etwa in Städten. An Land und auf See müssen wir Gebiete rekultivieren und der Natur zurückgeben. Nur dann haben die Ökosysteme eine bessere Chance, sich an unvermeidliche Klimaveränderungen anzupassen.

    Wenn wir Hand in Hand mit der Natur arbeiten, nutzen wir ihre Verbindungen und Synergien. Es liegt an uns, den Nutzen daraus zu ziehen, der vielfältig ist. Der Finanzsektor kann die Transformation unterstützen, wenn der Zeitrahmen und die mit natürlichen Auswirkungen verbundenen Risiken handhabbar sind. Die EU geht hier voran – mit neuen nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten wie der Fazilität für Naturkapital, die zeigt, wie eine künftige Architektur rund um Biodiversität und naturbasierte Lösungen aussehen kann.

    Wir haben das Wissen und die Einsicht, um eine Zukunft zu schaffen, in der unser Handeln im Einklang steht mit natürlichen Prozessen, und in der das, was die Natur hervorbringt, gleichmäßiger verteilt wird. Um Zeit für Innovationen zu gewinnen, die unsere Volkswirtschaften in eine CO2-arme Zukunft bringen, müssen wir jetzt in natürliche Lösungen investieren.

    Innovationen und Technologien können der Effizienz und der Gerechtigkeit dienen – im Zusammenspiel mit der Natur.

    ©Phillipe Bourseiller

    Klimalösungen zur Biodiversität für ...

    Entscheider: Finden Sie Regelungen, die Maßnahmen und Investitionen in die Natur gebieten. Schaffen Sie neue Ertragsquellen für die Wiederherstellung und den Erhalt der Natur. Das Finanzsystem wird dem folgen. Legen Sie feste, langfristige Ziele für natürliche Infrastruktur nach den Bedingungen der Natur fest, mit anpassungsfähigen Strategien, die Innovation und Unternehmergeist zulassen. Passen Sie Subventionen an, sodass sie Projekten nicht im Weg stehen, die Landschaften wieder zusammenführen und der Natur Raum zurückgeben. Belohnen Sie, was der Biodiversität und dem Klima dient, und unterstützen Sie Innovationen für mehr Effizienz und Resilienz in der Landwirtschaft. Legen Sie dabei die langfristige Ernährungs- und Klimasicherheit zugrunde. Investieren Sie in die Steuerung und effektive Umsetzung dieser Transformationen. Setzen Sie einfache Dinge durch, die nichts kosten. Stoppen Sie beispielsweise die Verwendung von Giften, die Beschädigung von Lebensräumen und deren zunehmende Erosion. Richten Sie ein Monitoring ein und erfassen Sie statistisch, wie stark wir die Natur tatsächlich in Anspruch nehmen – im eigenen Land und in den Ländern, aus denen wir importieren. Geben Sie der Wissenschaft die nötigen Ressourcen und die Freiheit, Licht ins Dunkel zu bringen und den weiteren Weg aufzuzeigen.

    Finanzinstitute: Eignen Sie sich Wissen über Biodiversität und Risiken für die Natur und das Klima an. Informieren Sie sich über resiliente, zirkuläre Geschäftsmodelle. Nutzen Sie wegweisende Ressourcen wie den Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services und die Fazilität für Naturkapital und prüfen Sie, wie Sie das Finanzsystem für die Natur mitgestalten können. Unsere Publikation Investing in Nature beschreibt Wege zur Finanzierung von Naturprojekten. Wir brauchen Finanzakteure und Intermediäre, die sich einem höheren Ziel verpflichtet sehen und kompetent den Wandel von Existenzgrundlagen und Landschaften sowie Innovationen für die Natur und das Klima finanzieren können; der Bedarf wächst. Wenden Sie sich an die Europäische Investitionsbank und entwickeln Sie mit uns gemeinsam Instrumente, die Ihnen helfen, Klimarisiken und Unsicherheiten besser zu handhaben.

    Privatpersonen: Seien Sie neugierig auf die Natur und haben Sie Verständnis für die Menschen, die von den Veränderungen betroffen sind. Eine Welt mit mehr Natur ist ein Ort, an dem Sie und Ihre Kinder gerne leben. Helfen Sie der Politik, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und beteiligen Sie sich an lokalen Initiativen. Überlegen Sie, was Sie im Alltag tun können, um der Natur ein bisschen Raum zu geben. Unkraut kann schön sein – lernen Sie, die hässlichen Pflänzchen zu lieben.

    Stephen Hart ist Investment Officer in der Abteilung Umwelt- und Klimafinanzierung der Europäischen Investitionsbank und Ansprechpartner für die Fazilität für Naturkapital. Andrew Neill ist Doktorand am Trinity College in Dublin.


    >> Die Reihe „Klimalösungen“ ist auch als Podcast und E-Book erhältlich.