Durch die Investitionsoffensive für Europa sollen kleine und mittlere Unternehmen sowie innovative Technologien in diesem Jahrzehnt die finanzielle Unterstützung erhalten, die ihnen bislang weitgehend verwehrt wurde.

Im Palazzo dei Conservatori auf dem von Michelangelo prachtvoll umgestalteten Kapitolshügel unterzeichneten Vertreter von sechs europäischen Nationen am 25. März 1957 die Römischen Verträge. Das Vertragswerk, das auch die Artikel zur Gründung der Europäischen Investitionsbank enthält, war – wie ein Historiker es formulierte – „eine Erklärung der guten Absichten für die Zukunft”. Über einen Zeitraum von zwei Wochen veröffentlichen wir eine kleine Auslese von Geschichten zum sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge – eine Geschichte für jedes Jahrzehnt der Entwicklungsgeschichte der Bank. Diese Geschichten dokumentieren, wie die EIB dazu beigetragen hat, gute Absichten Wirklichkeit werden zu lassen.

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Garantien für KMU

In Mittelböhmen, 30 km südlich von Prag, stellt das Unternehmen TG Scarabeus Spezialfolien und -verpackungen sowie Verpackungen aus recyceltem Kunststoff für den tschechischen und slowakischen Markt her. Um mit den technologischen Entwicklungen in der Branche Schritt zu halten, sah sich das 2004 gegründete Unternehmen gezwungen, neue Maschinen im Wert von 137 000 Euro anzuschaffen. Hierzu benötigte es einen Kredit. Kleine Unternehmen haben es in Europa jedoch schwer, Bankkredite zu erhalten. Daher nahm der Firmeninhaber Miroslav Goiš 2016 ein Garantieprogramm in Anspruch, das letztlich vom Europäischen Investitionsfonds unterstützt wird. Der EIF ist in der EIB-Gruppe auf Risikofinanzierungen für kleine und mittlere Unternehmen spezialisiert. Über die EU-Haushaltsgarantie der Investitionsoffensive für Europa besicherte eine Rückgarantie des EIF eine Garantie der tschechischen Entwicklungsbank ČMZRB, die wiederum dafür sorgte, dass Goiš einen Kredit über 122 000 Euro von der tschechischen Sparkasse Česka Spořitelna erhielt. Wenn dies kompliziert klingt, dann deshalb, weil KMU-Finanzierungen in Europa alles andere als einfach sind. Tatsächlich bemüht sich die EIB-Gruppe seit Anfang dieses Jahrzehnts nach Kräften um eine Lösung des Problems. Für Scarabeus ist die Sache klar. „Ohne die Garantien hätten wir das Darlehen nicht bekommen“, sagt Goiš. „Und dann wären wir irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Wir sind daher wirklich froh, dass uns die ČMZRB unterstützt hat.“

Kennzeichnend für die Finanzierungstätigkeit der EIB-Gruppe im KMU-Sektor ist ihr antizyklischer Charakter. Diese Strategie wendet die EIB in vielen Sektoren an, vor allem in einer Zeit, in der EIB und EIF eine Investitionsoffensive für Europa anführen, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und Kapital aus dem Privatsektor mobilisieren soll.

Im Falle der KMU-Darlehen geht es darum, dass Banken, die Kredite an kleine Unternehmen vergeben, in gewissem Umfang von dem damit verbundenen Risiko entlastet werden. Hier kommt die von der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Initiative COSME ins Spiel. Sie gibt dieses Risiko größtenteils an den EIF weiter, der wiederum die EU-Haushaltsgarantie der Investitionsoffensive für Europa im Rücken hat. Dadurch wird es viel wahrscheinlicher, dass eine Bank einen Kreditantrag bewilligt – und das ist gut für die kleinen Unternehmen. Mit der EU-Haushaltsgarantie wollen die EIB und der EIF Banken und privaten Investoren mehr Sicherheit geben, damit sie ihr Geld in der Wirtschaft arbeiten lassen. Von großer Bedeutung ist dies zum Beispiel in der Tschechischen Republik, wo der EIF im August 2015 einen entsprechenden Vertrag mit der Tschechisch-Mährischen Garantie- und Entwicklungsbank ČMZRB unterzeichnet hat. Der EIF wird die von der ČMZRB gestellten Garantien mit einer Rückgarantie in Höhe von 115 Millionen Euro besichern. „Es gibt ausreichend Liquidität, aber die Banken verlangen Sicherheiten. Und diese Sicherheiten fehlen“, erklärt Lubomir Rajdl, stellvertretender Geschäftsführer der in Prag ansässigen Bank. „Unser Programm schließt wirklich eine Marktlücke.“

Eine sehr große Marktlücke, denn die Nachfrage von Seiten tschechischer KMU war so groß, dass das Volumen der Rückgarantie aufgestockt wurde. Im späteren Jahresverlauf stimmte der EIF zu, den Betrag auf 389 Millionen Euro zu erhöhen. Bis Ende 2016 waren durch die Rückgarantie schon 1 880 Projekte unterstützt und Darlehen über insgesamt 185 Millionen Euro besichert worden. Die ČMZRB geht davon aus, dass die Rückgarantie bis zum Ende der Programmlaufzeit 2018 rund 3 800 KMU unterstützen und Darlehen im Gesamtbetrag von 556 Millionen besichern wird.

Eine der ersten Garantien im Rahmen dieses Programms gewährte die ČMZRB für ein Darlehen von 92 500 Euro an OVEX Plus, ein Abfallunternehmen in Ostrava, der drittgrößten Stadt der Tschechischen Republik. Mit dem Darlehen und auch mit eigenem Geld kaufte OVEX neuartige Anlagen für die staubfreie Lagerung von Asche, die in den Energie-, Kohle- und Metallbetrieben in Mähren und Schlesien anfällt. In einer Region, die unter einer erheblichen Luftverschmutzung durch die Industrie leidet, ist das wichtig. „Die neue Technologie hilft uns, unsere Position auf dem Strom- und Energiemarkt nachhaltig auszubauen“, erläutert Miroslav Olszovy, geschäftsführender Direktor bei OVEX. „Sie hat auch positive Umweltauswirkungen. Das ist in unserer Region besonders wichtig.“

Über diese kleinen Darlehen erreicht die Investitionsoffensive jeden Winkel Europas. Auf der bulgarischen Seite der Donau, an der Grenze zu Rumänien, leitet Georgi Dikov einen Betrieb für Baumaschinen und Gerüstbau. Für den Kauf einer gebrauchten Erntemaschine aus Deutschland erhielt er, mit Unterstützung der Investitionsoffensive für Europa, von der Cibank in Sofia einen Kredit von 34 000 Euro. Dikov beschäftigt 45 Mitarbeiter in seinem Betrieb und fünf weitere auf einer 100 Hektar großen landwirtschaftlichen Fläche in Orjachowo, einer Stadt mit 5 000 Einwohnern. Die Arbeitslosenquote ist hier höher als im bulgarischen Durchschnitt, während die Löhne nur halb so hoch sind. In dieser Gegend gibt es relativ wenige gut ausgebildete Arbeiter. „Ich bilde Menschen aus, die keinerlei Qualifikationen mitbringen und mache sie zu Fachkräften“, so Dikov.

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©EIB/Neoen

Wind der Veränderung

Das Solarkraftwerk Cestas, das im Dezember 2015 den Betrieb aufnahm, versorgt gut ein Drittel der Einwohner im nahegelegenen Bordeaux mit sauberem Strom. Es verfügt über eine Million Solarmodule und markierte einen Meilenstein auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Energieversorgung. Cestas war die erste große Fotovoltaikanlage, die fossil befeuerten Kraftwerken ernsthaft Konkurrenz machen konnte. Dies war eine historische Etappe auf dem langen Weg, den die Fotovoltaikbranche schon zurückgelegt hat. In den 1990er Jahren und größtenteils noch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends verzeichnete sie ein eher schleppendes Wachstum. Technische Entwicklungen und zunehmende Größenvorteile haben mittlerweile aber zu einem Boom geführt. Und die EIB war immer mit dabei. „Cestas ist die erste große Fotovoltaikanlage, die mit fossil befeuerten Kraftwerken konkurrieren kann“, erklärt David González García, Senior Engineer in der Abteilung Erneuerbare Energien der EIB. „Die Kosten sind in den letzten fünfzehn Jahren gesunken. Heute gibt es ein größeres Angebot, die Standardisierung hat zugenommen und die Größenvorteile sind enorm.“

Die EIB spielt damit in der Fotovoltaikbranche eine ähnliche Rolle wie in anderen Bereichen des Erneuerbare-Energien-Sektors, insbesondere in der Offshore-Windindustrie. Häufig förderte die Bank Solarprojekte, für die sich nicht genügend private Investoren fanden. Auf diese Weise trug sie zur Finanzierung der Forschung bei, die die Branche letztlich wirtschaftlich tragfähig machte. In weniger fortgeschrittenen Bereichen des Erneuerbare-Energien-Sektors geht die EIB ähnlich vor. So hat sie umfangreiche Mittel für Offshore-Windparks und für das große Kraftwerk mit konzentrierter Solarenergie im marokkanischen Ouarzazate bereitgestellt. Offshore-Windkraft und konzentrierte Solarenergie (CSP) leisten derzeit noch einen relativ kleinen Beitrag zur weltweiten Stromproduktion. Die Fotovoltaik hat ihnen allerdings vorgemacht, wie es geht.

Die innovationsfördernde Rolle der EIB hat entscheidend zur Erschließung der Offshore-Windkraft beigetragen. Der Ausbruch der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 hätte leicht das Ende der Offshore-Windindustrie bedeuten können, weil die Investoren das Risiko fürchteten. Während Onshore-Windparks schon relativ weit entwickelt waren, steckte die Offshore-Technologie noch in den Kinderschuhen. Als die privaten Investoren ausblieben, sprang die EIB ein. „Die Geschäftsbanken hatten große Vorbehalte, das Risiko mitzutragen“, erinnert sich Alessandro Boschi, der bei der EIB die Abteilung Erneuerbare Energien leitet. „Ohne die EIB wäre die Offshore-Windkraft nicht mehr auf Kurs gekommen.“

Im Jahr 2008 erschien eine Investition in den belgischen Windpark Belwind zweifellos riskant. Der größte Windpark Europas liegt 46 Kilometer vor der Küste von Zeebrugge; sein Fundament reicht bis in 37 Meter Tiefe. „Wegen der Finanzkrise blieben die privaten Investoren aus“, berichtet Melchior Karigl, Kreditreferent für Projektfinanzierungen bei der EIB. Karigl und seine Kollegen waren jedoch von der Technologie beeindruckt: Die Fundamente von Belwind wurden tiefer im Meeresboden verankert als bei jedem Vorgängerprojekt. Nicht zuletzt staunten sie über den kühnen Plan, 55 Windräder auf einer Fläche von 17 Quadratkilometern zu errichten. Die EIB deckte mit einem Finanzierungsbeitrag von 300 Millionen Euro die Hälfte der Projektkosten für Belwind ab. Heute versorgt der Windpark 160 000 belgische Haushalte mit Strom.

>@Belwind Offshore Energy
©Belwind Offshore Energy

Die Investitionen der Bank werden auch weiterhin eine Branche unterstützen, die sich ständig technisch weiterentwickelt. Betrachten wir zum Beispiel die Rotorblätter der weltweit größten Windkraftanlage. Sie sind 80 Meter lang. Das entspricht der Flügelspannweite eines Airbus A380. In Bewegung bilden sie einen größeren Kreis als das berühmte Riesenrad „London Eye“. Für den Windpark Norther werden gleich 44 dieser Windkraftanlagen 22 Kilometer vor der belgischen Küste errichtet. Technische Fortschritte und zuverlässige Finanzierungen machen Strom aus Windkraft zunehmend günstiger. „Bis Stromerzeugungstechnologien ausgereift sind, dauert es lang“, meint Gonzalez. „Dampfturbinen haben sich zum Beispiel erst nach 80 Jahren in großem Maßstab durchgesetzt. Damit dasselbe bei den Windkraftanlagen passiert, braucht es genügend Testflächen und ausreichend FuE-Investitionen.“

Die EIB leistet zweifelsohne einen wichtigen Beitrag dazu, dass solche Testflächen entstehen. Allein 2016 hat sie sich in großem Umfang an Finanzierungen in diesem Bereich beteiligt:

  • Im Mai genehmigte die EIB ein Darlehen von 525 Millionen Pfund Sterling für den Bau des Windparks Beatrice, der 14 Kilometer vor der schottischen Küste errichtet wird. Dies ist der bisher umfangreichste Finanzierungsbeitrag der EIB für ein einzelnes Offshore-Windparkprojekt. Der Windpark Beatrice wird mit 86 Windkraftanlagen bis zu 588 MW erzeugen. Dies reicht aus, um 520 000 Haushalte zu versorgen.
  • Im Februar, März und September unterzeichnete die EIB Darlehensverträge über 160 Millionen Pfund Sterling für den Bau von Übertragungsnetzen für zwei weitere Offshore-Windparks und über 500 Millionen Pfund Sterling für den Ausbau eines regionalen Netzes, durch das weitere Ökostromerzeuger angeschlossen werden können.
  • Im Oktober unterzeichnete die EIB einen Darlehensvertrag über 300 Millionen Euro für den Windpark Rentel. Dadurch werden 34 Kilometer vor der belgischen Küste 42 Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von rund 300 MW entstehen. Sie sollen rund 258 000 Haushalte versorgen.
  • Im Dezember besiegelte die Bank einen Darlehensvertrag über 438 Millionen Euro für den Windpark Norther. Seine Turbinen von der Größe eines Riesenrades haben eine installierte Leistung von knapp 370 MW.

All diese Darlehen für Windparks wurden zumindest teilweise über die Investitionsoffensive für Europa abgesichert. Diese Themen dürften in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Der Weg der Bank im nächsten Jahrzehnt ist damit vorgezeichnet.