Banken müssen einige Hürden überwinden, um arme Menschen und Kleinbetriebe im Hinterland des Kongo zu erreichen. Doch die Trust Merchant Bank lässt sich von schlechten Straßen, Aufständen und Pandemien nicht aufhalten und hat schon drei Millionen Neukunden gewonnen

Ein Bankkonto in der Demokratischen Republik Kongo zu eröffnen, ist nicht einfach. Noch schwieriger ist es, einen zinsgünstigen Kredit zu erhalten. Für Millionen Menschen ist schon die nächste Bankfiliale zu weit entfernt. Aber wer kein Bankkonto hat, kann nur schwer für seine Familie sorgen, einen Job annehmen, ein Geschäft gründen, die Kinder zur Schule schicken oder Anschaffungen bezahlen.

„In vielen afrikanischen Ländern betreuen die meisten Banken nur die größeren Unternehmen; diese Lücke müssen wir schließen“, sagt Kreditreferent Markus Schulte von der Europäischen Investitionsbank. „Banken, die sich um die ländliche Bevölkerung oder ganz kleine Betriebe kümmern, haben es nicht leicht. Das ist viel Arbeit und ziemlich riskant.“

Die EIB hat vor Kurzem einen Kredit über 20 Millionen Euro an eine Bank vergeben, die seit mehr als anderthalb Jahrzehnten unermüdlich versucht, ihre Leistungen in jedem Winkel des Kongo anzubieten. Die Trust Merchant Bank, kurz TMB, mit Sitz in Lubumbashi im Südosten des Kongo versteht sich als eine Bank für alle Menschen – unabhängig vom Einkommen. Mit ihrem breiten Angebot, darunter Mobile Banking und Mikrokredite für Kleinstbetriebe, ist sie rasch gewachsen.

Enormer Bedarf

„Der Kongo ist eines der ärmsten Länder der Welt und braucht deshalb viel Unterstützung für seine Wirtschaft“, sagt Managementberater David McEvoy von der TMB. Mit ihrer Firmenphilosophie will die Trust Merchant helfen, „dass der Kongo wieder ein stabiles Land wird und die Menschen ein gutes Auskommen haben“.

Der Kongo ist das zweitgrößte Land in Afrika und nur etwas kleiner als Algerien. Seine Bevölkerung von heute knapp 90 Millionen dürfte bis 2050 auf fast 195 Millionen wachsen. Nach dem Ebola-Ausbruch 2018 bringt jetzt die Coronapandemie Wirtschaft und Gesundheitswesen noch mehr unter Druck.

Um neue Kundschaft zu gewinnen, fahren die Angestellten der Trust Merchant regelmäßig durchs Land, bieten Finanzberatung an und empfehlen den Leuten, ein Konto bei ihrer Bank zu eröffnen. Ihr Dienstwagen ist ein Lkw mit Allradantrieb. Manchmal brauchen sie bewaffneten Geleitschutz, weil sie auch die Gehälter an Staatsbedienstete auszahlen. Kampieren in der Wildnis ohne Licht und Strom ist normal, und mitunter geht es einen Tag lang nicht weiter, weil der Laster im Schlamm steckenbleibt oder umgestürzte Bäume den Weg versperren. Der Kongo hat nur etwa 1 200 Kilometer gute, gepflasterte Straßen – etwa ein Viertel so viel wie das kleine Luxemburg. Millionen Menschen haben weder Zugang zu Verkehrsmitteln noch Strom oder Telefon.

Ein Mitarbeiter der Trust Merchant Bank überquert einen See, um in abgelegenen Dörfern Sparkonten anzubieten ©TMB

Der Aufwand lohnt sich. Die Trust Merchant ist heute mit Dutzenden von Zweigstellen in allen Provinzen und in vielen ländlichen Gebieten und Städten des Kongo vertreten. Ihr Anfangskapital von 1,5 Millionen US-Dollar im Jahr 2004 ist mittlerweile auf mehr als 100 Millionen US-Dollar gewachsen. Zu ihren bis dahin 2,7 Millionen Konten kamen in der Pandemie 400 000 weitere hinzu. Vor 16 Jahren, als die Bank an den Start ging, gab es im ganzen Land nur rund 40 000 Konten. Die meisten davon gehörten der wohlhabenden Oberschicht oder Landsleuten, die im Ausland lebten, so McEvoy.

Soforthilfe in der Pandemie

Mit dem EIB-Darlehen kann die Trust Merchant Bank mehrere Tausend Kredite über jeweils 4 000 bis 5 000 US-Dollar an Kleinstbetriebe und kleine Unternehmen vergeben, die in der Pandemie dringend Geld für Löhne, Vorräte und andere Ausgaben brauchen. Für die Kredite werden faire Zinsen berechnet und nicht 30 bis 40 Prozent pro Monat, wie „informelle Kreditgeber“ im Kongo verlangen. Das soll vor allem der Lebensmittelbranche, Logistik und Krankenhäusern helfen, aber auch kleinen IT-Firmen und landwirtschaftlichen Betrieben.

„Diese Sektoren leisten vielleicht keinen großen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt des Landes“, sagt McEvoy, „aber sie decken Grundbedürfnisse der Bevölkerung.“

Neben dem Darlehen will die EIB der TMB auch eine Garantie über 30 Millionen Euro stellen, damit die Bank mehr Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vergeben kann. Das Darlehen ist Teil des Soforthilfepakets der EIB in der Pandemie, die Garantie würde aus einer Finanzierungsinitiative der Europäischen Union für kleine Unternehmen kommen. Das soll der TMB hauptsächlich helfen, Tausende Kleinunternehmen im Kongo zu erreichen.

Insgesamt stellt die EIB bis zu 200 Millionen Euro für die Krisenbewältigung in West- und Zentralafrika bereit. Vor allem hilft sie dem Privatsektor und kleinen Unternehmen. Die Bank der EU will in diesem Jahrzehnt Investitionen im Umfang von mehr als 100 Milliarden Euro in Afrika anschieben.

Mit der Trust Merchant Bank unterzeichnete sie 2018 bereits ein Darlehen über 15 Millionen Euro. 

 „Wir geben der TMB die Möglichkeit, auch längerfristiges Geld zu vergeben“, erklärt EIB-Kreditreferent Schulte. „Das Problem in einigen afrikanischen Ländern wie dem Kongo ist, dass die Banken meist nur kurzfristige Kredite für Betriebskapital anbieten. Mit der neuen Kreditlinie kann die TMB mehr Investitionen finanzieren, weil sie von der EIB langfristige Mittel erhält – zusätzlich zu den kurzfristigen Einlagen, die von den Kunden kommen.“

Die Angestellten der Trust Merchant Bank zahlen auf ihren Touren durchs Land auch die Gehälter an Staatsbedienstete aus ©TMB

Für die Trust Merchant Bank hat die Zusammenarbeit mit der EIB aber noch weitere Vorteile:

„Das Darlehen der EIB stärkt das Vertrauen in unsere Bank“, so McEvoy. „Außerdem erhalten wir technische Hilfe und Zugang zu Know-how. Wir können unser Personal besser ausbilden, und das ist im Kongo wirklich bitter nötig. Weil wir mit der EIB zusammenarbeiten, kommen auch andere Institutionen mit neuen Ideen und Lösungen auf uns zu.“

Vertrauen aufzubauen ist in diesem Teil Afrikas nicht immer einfach.

„Wir haben hier schon alles erlebt: einen versuchten Staatsstreich, einen Rebellenaufstand, die Ebola-Pandemie und jetzt Corona“, sagt McEvoy. „Das sind echte Stresstests hier. Aber wir sind optimistisch. Anders könnten wir diesen Job nicht machen.“