Das Geheimnis für Mittel-, Ost- und Südosteuropa: innovative grüne Investitionen

Von Áron Gereben und Patricia Wruuck

Das alte Wachstumsmodell der Länder in Mittel-, Ost- und Südosteuropa war nach dem Beitritt zur Europäischen Union der Motor für die Konvergenz. Es stützte sich auf Exporte, niedrige Lohnkosten und Kapitalzuflüsse aus ausländischen Direktinvestitionen. Heute ist es allerdings kaum noch nachhaltig.

Das Produktivitätswachstum hat sich verlangsamt, während die Lohnkosten gestiegen sind. Die nachlassenden Kapitalzuflüsse sind ein Indiz dafür, dass das alte Modell an seine Grenzen stößt. Es erscheint zunehmend ungeeignet, um die Region weiter an die EU heranzuführen. Ohne eine Alternative laufen die Länder der Region Gefahr, auf der Stelle zu treten und nach einem schnellen Wachstum auf der Stufe eines Schwellenlands mit mittlerem Einkommen steckenzubleiben.

Ein neuer Wachstumsmotor für Mittel-, Ost- und Südosteuropa basiert aus unserer Sicht auf vier Kernelementen: Innovation, Digitalisierung, nachhaltige Entwicklung und Kompetenzen. In einem aktuellen Bericht haben wir diese vier Elemente anhand von Unternehmensdaten aus der Investitionsumfrage der EIB untersucht. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Privatsektor. Diese Analyse liefert die Grundlage, um die Probleme beim Übergang zum neuen Wachstumsmodell vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie in den Griff zu bekommen.

Innovation

Das wichtigste Werkzeug zur Produktivitätssteigerung in der Region ist immer noch der Einsatz von Technologie. Dabei spielen heimische Innovationen lediglich eine untergeordnete Rolle. Abbildung 1 veranschaulicht den Zusammenhang zwischen Investitionen in Wissen und Innovation (in Form immaterieller Vermögenswerte) und der Wirtschaftsentwicklung. Zwar ist die Innovationskraft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa von Land zu Land unterschiedlich, allerdings bleibt die Region als Ganzes weiter hinter der EU zurück. Die Innovationstätigkeit beschränkt sich weitgehend auf große Produktionsunternehmen in ausländischer Hand.

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Abbildung 1: Korrelation zwischen Pro-Kopf-BIP und Anteil immaterieller Investitionen an den Unternehmensinvestitionen insgesamt (2017) ©EIB Investment Survey, Eurostat

Es muss mehr private Unternehmen geben, die in immaterielle Vermögenswerte investieren, vor allem in Forschung und Entwicklung. Nur so können Innovationserfolge erzielt, Innovationsökosysteme gestärkt und die Produktivität gesteigert werden. Die größte Herausforderung besteht darin, den Anteil derjenigen Unternehmen zu senken, die Innovationen weder einführen noch aktiv vorantreiben. Dies sind immer noch rund 60 Prozent aller Firmen.

Einer der Gründe für das Innovationsdefizit ist die mangelnde Finanzierung, wie die Wiener Initiative aufzeigt. Um mehr Innovation zu ermöglichen, braucht es also eine stärkere Förderung der Kapitalmarktentwicklung und mehr Kapitalgeber, die in der Lage sind, innovative Unternehmen zu finanzieren und zu unterstützen. Neben der unzureichenden Finanzierung ist oft auch der Fachkräftemangel ein Hindernis für innovative Unternehmen und Start-ups. Das Qualifikationsniveau muss daher unbedingt gestärkt werden, damit der Übergang zu einer Wissenswirtschaft gelingt.

Digitalisierung

Auch die Digitalisierung ist ein Argument, um stärker in Kompetenzen und Humankapital in der Region zu investieren. Sie kann maßgeblich zur Innovation beitragen, zudem sind neue Technologien eine Möglichkeit, dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Ohne flankierende politische Maßnahmen kann die Digitalisierung den Druck auf den Arbeitsmarkt allerdings erhöhen, wenn sich das Qualifikationsungleichgewicht vergrößert und Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt werden. All das verstärkt die Polarisierung der Gesellschaft.

Die Förderung grundlegender digitaler Kompetenzen ist besonders wichtig für die Frage, wie sich die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt insgesamt auswirkt. Denn reichen diese Kompetenzen nicht aus, besteht die Gefahr, dass Unternehmen vor allem deshalb in digitale Technologien investieren, um Arbeitskräfte einzusparen. Digitales Talent und fortgeschrittene Digitalkompetenz in Spezialbereichen sind in der Region zwar vorhanden, bei den grundlegenden digitalen Kompetenzen hinken viele Länder allerdings noch hinterher (vgl. Abbildung 2).

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Abbildung 2: Grundlegende und fortgeschrittene Digitalkompetenz in der EU ©DR

Anmerkung: Die Zahlen basieren auf dem Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der Europäischen Kommission. Der Index misst im Bereich Humankapital die grundlegende Internetkompetenz (mindestens grundlegende Digitalkompetenzen, über die Grundfertigkeiten hinausgehende Kompetenzen und grundlegende Softwarekenntnisse) sowie die fortgeschrittene Digitalkompetenz (Verfügbarkeit von IKT-Fachkräften und -Absolventinnen und Absolventen). Der Wert für die Nutzung von Internetdiensten errechnet sich aus dem gewichteten Durchschnitt von Internetnutzung, Online-Aktivitäten und Online-Transaktionen.

Die Region braucht bei der Digitalisierung Unterstützung durch die Politik, um sowohl Bildung als auch Weiterbildung zu stärken. Der Schwerpunkt muss dabei auf Digitalkompetenzen sowie dem Erwerb persönlicher Kompetenzen als Ergänzung der technischen Fähigkeiten liegen. Initiativen im Unternehmensbereich sollten den Zugang zur Frühfinanzierung und die Schaffung von Start-up-Beschleunigern und Gründungszentren fördern.

Grünes Wachstum

Die EU will bis 2050 klimaneutral werden. Daher stellen die Volkswirtschaften in Mittel-, Ost- und Südosteuropa derzeit ihre Energiesysteme und die entsprechende Infrastruktur auf ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell um. Ihre CO2-Bilanz hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, dennoch liegt ihre Energieintensität immer noch über dem EU-Durchschnitt.

Der Kurs auf die Klimaneutralität setzt neue Chancen für Wirtschaft und Unternehmen frei, etwa im Bereich der Erzeugung erneuerbarer Energien. Mit Blick auf die vorhandenen Strukturen braucht die Region viel politische Unterstützung für diese Umstellung, damit mögliche soziale Folgen gemildert werden können. Nichtsdestotrotz hat sie auch viele Möglichkeiten, Emissionen recht einfach zu senken, wie eine Studie des Cambridge Institute for Sustainability Leadership aufzeigt.

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Abbildung 3: Anteil der Unternehmen mit Investitionsplänen zur Bewältigung der Klimafolgen ©EIB Investment Survey 2020
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Abbildung 4: Durchschnittlicher Anteil des Gebäudebestands von Unternehmen, der hohe Energieeffizienzstandards erfüllt ©EIB Investment Survey 2020

Beispielsweise könnte man mit der Sanierung von Gebäuden den CO2-Ausstoß verringern und die Lebensqualität verbessern. Voraussetzung, um das Energiesparpotenzial im Wohnsektor zu erschließen, sind allerdings mehr innovative Finanzierungen. Mit differenzierten Strategien, die auf die örtlichen geografischen Gegebenheiten abgestimmt sind, könnte außerdem die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gestärkt werden. Auch der Verkehrssektor bietet viel Potenzial für Emissionseinsparungen, etwa durch die Modernisierung der öffentlichen Verkehrssysteme und eine schnellere Elektrifizierung von Fahrzeugflotten.

Kompetenzen – der entscheidende Puzzlestein

Das Problem des Arbeitskräftemangels wird durch die Folgen der Coronapandemie möglicherweise vorübergehend entschärft. Strukturelle Faktoren wie eine ungünstige demografische Entwicklung und Auswanderung dürften es allerdings bald wieder akut werden lassen, was die Gefahren für das langfristige Wachstum verstärkt. Mit aktiven Arbeitsmarktmaßnahmen wie einer besseren Vermittlung oder der Eingliederung der Nichterwerbspersonen in den Arbeitsmarkt kann diesem Problem begegnet werden. Durch Umschulungs- und Weiterbildungsangebote können außerdem dringend gefragte Qualifikationen gefördert werden. Zudem brauchen Regionen, die der grüne und digitale Wandel vor Probleme stellt, öffentliche finanzielle Unterstützung, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.

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Abbildung 5: Lebenslanges Lernen – Beteiligung der erwachsenen Bevölkerung (2019) ©Eurostat

Die Länder in Mittel-, Ost- und Südosteuropa müssen die Erwachsenenbildung ausbauen, um den Druck der Digitalisierung und Dekarbonisierung auf den Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen. Bislang ist das Interesse an der Erwachsenenbildung gering, wie Abbildung 5 oben zeigt. Hier sind vor allem die Unternehmen gefragt: Sie müssen stärker in Schulungen und Fortbildungen investieren, denn der Anteil der von der Automatisierung bedrohen Arbeitsplätze ist in vielen Volkswirtschaften der Region hoch.

Der Ausbau der Erwachsenenbildung, auch von digitalen Bildungsangeboten, muss mit Maßnahmen flankiert werden, die Qualität und Teilhabe an der Bildung verbessern. Neben den technischen Qualifikationen sollten vor allem Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken und Führungskompetenz gefördert werden. Gleichzeitig ist auf eine möglichst breite Teilhabe zu achten, um eine frühe Abkoppelung vom Arbeitsmarkt zu vermeiden.

Eine Stärkung der vier Kernelemente des neuen Wachstumsmodells wäre für die Menschen in der Region positiv. Die Ziele mehr Innovation und Digitalisierung, nachhaltigeres Wachstum und Kompetenzausbau sind eng miteinander verflochten. Zwar betrifft die Innovation zunehmend digitale Entwicklungen, allerdings können die (künftigen) Technologien einen erfolgreichen Übergang zu einer grünen Wirtschaft anstoßen. Voraussetzung dafür sind die richtigen Kompetenzen. Sie ermöglichen es den Einzelnen, die Chancen des wirtschaftlichen Wandels zu nutzen.

Der Coronaschock hat die strukturellen Probleme der Volkswirtschaften in Mittel-, Ost- und Südosteuropa noch verstärkt. Die Lockdowns haben gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung für Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Resilienz ist. Andererseits haben sie auch gezeigt, dass alternative, nachhaltige Arbeitsweisen möglich sind. Durch die Pandemie könnten sich Ungleichheiten und gesellschaftliche Verwerfungen weiter vertiefen, wenn die Folgen nicht angemessen abgefedert werden und sich die Region dem Strukturwandel nicht entschlossen stellt.

Konjunkturstrategien auf Basis der vier Kernelemente des neuen Wachstumsmodells können der Region zu einem robusten, nachhaltigen Wachstum verhelfen. Allerdings müssen die zentralen Schwachstellen angegangen werden, sonst könnte die langfristige Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sein. Nationale Konjunkturprogramme zur Planung von öffentlichen Investitionsprojekten und Reformen sollten diese Punkte berücksichtigen.

Dieser Artikel wurde auch auf dem Blog European Politics and Policy der London School of Economics veröffentlicht. Weitere Informationen zu diesem Thema enthält das Arbeitspapier der Verfasser. Darin wird das Thema Konvergenz durch grüne und inklusive Investitionen erörtert.

Áron Gereben und Patricia Wruuck arbeiten in der Hauptabteilung Volkswirtschaftliche Analysen der Europäischen Investitionsbank.