Online-Schulungsprogramm: Aus Elternkompetenzen werden Job-Werkzeuge

Nach ihrem zweiten Mutterschaftsurlaub ab 2012 kehrte Riccarda Zezza wieder an ihren Arbeitsplatz in einem Mailänder Unternehmen zurück. Weil ihre Vorgesetzten annahmen, sie werde es nun langsamer angehen lassen, hatten sie ihre frühere Position als Managerin anderweitig besetzt

„Ich fand es schon seltsam, dass mein Arbeitgeber mich ins hintere Glied schicken wollte, weil ich zwei Kinder und damit angeblich ‚andere Prioritäten‘ hätte“, erzählt Riccarda. „Ich sagte: ‚Ich habe viele Prioritäten, und sie passen alle gut zusammen. Ich möchte jetzt durchstarten – zurückzuschalten kommt für mich nicht in Frage.‘“

Sie erinnert sich an eine Krisenmanagement-Schulung, bei der die Teilnehmenden im Flugsimulator 20 Minuten lang ihre Stressbelastbarkeit testen sollten. „Als ich nach Hause kam, rannte mir mein zweijähriger Wildfang entgegen. Und ich dachte: Das ist Krisenmanagement und ein wesentlich besseres Training als 20 Minuten im Flugsimulator. Ich habe jeden Tag kostenlose Stresstests. Warum nutze ich das nicht?“

Damit war die Idee für ihr Unternehmen LIFEED geboren. LIFEED hilft Menschen, ihre im Alltag erworbenen Fähigkeiten – etwa bei der Kindererziehung oder Pflege der alten Eltern – mit ihren beruflichen Fähigkeiten zu vereinen.

Unterschiedliche Rollen befruchten sich gegenseitig

Riccarda kündigte und entwickelte mit Psychologen und anderen Expertinnen ein Programm, das Menschen helfen soll, den Wert ihrer – oft genug schmerzhaft gewonnenen – Lebenserfahrungen zu erkennen. So entstand die neue Lernmethode „Life-Based Learning“: Die Menschen reflektieren über ihre aktuelle Lebenssituation und setzen sie in Zusammenhang mit ihren beruflichen Fähigkeiten.

„In unserem westlichen Kulturkreis ist die Auffassung verbreitet, dass wir nicht gleichzeitig mehrere Rollen ausüben können, weil das Konflikte verursacht“, erläutert Riccarda. „Die Wissenschaft hat jedoch das Gegenteil gezeigt. Menschen mit mehr als einer Rolle verfügen über mehr Ressourcen und sind ausgeglichener.“

Riccarda erklärt gern am Beispiel ihrer Kinder, wie sich Beruf und Privates gegenseitig befruchten. „Ich hatte das klassische Problem einer Mutter, die ihren Kindern nicht Nein sagen konnte. Das machte mir ein schlechtes Gewissen. Aber im Büro fiel es mir überhaupt nicht schwer, weil wir einen sehr respektvollen Umgang haben. Ich wusste, warum ich Nein sagte, und erklärte es einfach. Jetzt mache ich es bei meinen Kindern genauso. Und das schlechte Gewissen ist weg.“

Umgekehrt funktioniert es natürlich auch. Zuhause umsorgt sie gerne ihre Familie: „Das tut mir einfach gut. Also gestehe ich mir zu, meine fürsorgliche Seite auch im Büro zu zeigen.“

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LIFEED hilft Menschen, ihre Fähigkeiten als Eltern oder Pflegende mit ihren beruflichen Fähigkeiten zu vereinen. ©LIFEED

Soft Skills sind gefragt

LIFEED findet bei vielen Unternehmen Anklang, die die Sozialkompetenz ihrer Beschäftigten fördern möchten. Das Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitenden erreicht über 20 000 Menschen. 95 Prozent der Kunden verlängern jedes Jahr ihr Abonnement. Dazu zählen die Stadt Mailand, wo LIFEED sitzt, Accenture, Crédit Agricole, die italienische Post und Danone.

LIFEED gehörte im Jahr 2020 zu den Finalisten des Social Innovation Tournament. Bei diesem Wettbewerb sucht die Europäische Investitionsbank über ihr EIB-Institut neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Die Programme von LIFEED werden auf einer interaktiven Website in der Regel innerhalb von sechs bis acht Wochen absolviert. Die Teilnehmenden beantworten zunächst Fragen zu ihrem Leben. LIFEED entwickelt daraus ein maßgeschneidertes Programm mit Übungen, die Beruf und Privates auf neue Weise zusammenführen.

Auf seiner neuen digitalen Plattform erreicht das Unternehmen mehr Menschen, auch in ihrem Alltag, als es in einer eintägigen Präsenzveranstaltung möglich wäre. Über das Online-Modul kann LIFEED zudem Daten für weiter gehende Zwecke sammeln.

„Ich möchte die Kultur verändern, und dafür brauche ich Daten“, sagt Riccarda.

Reaktion auf die Pandemie

Auf die Covid-19-Pandemie reagierte das Unternehmen mit einem neuen Angebot. Es hilft Menschen, mit dem Stress zurechtzukommen, der aus der Telearbeit, dem Umgang mit schwerer Krankheit und manchmal auch Trauer entsteht.

Rossella Mandalà arbeitet in der Personalabteilung eines Unternehmens mit etwa 200 Beschäftigten und hatte beim Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 gerade ihre neue Stelle in Paris angetreten. Sie unterstützte ihren neuen Arbeitgeber bei der Durchführung des LIFEED-Programms und absolvierte den neunwöchigen Kurs „Transitions“.

„Für mich war die angeleitete Reflektion der wertvollste Teil des Kurses“, erklärt sie. „Im Homeoffice habe ich den Kontakt zu Menschen aus Fleisch und Blut vermisst. Ich saß wie alle anderen nur vor dem Bildschirm. Das reflektierende Schreiben hat mir geholfen, die Situation richtig einzuordnen.“

In einem gemeinsamen Chatroom konnten die Kursteilnehmenden ihre Gedanken und Sorgen äußern und fühlten sich in dieser schwierigen Zeit nicht ganz allein.

„Ganz gleich mit welcher Veränderung oder Krise wir konfrontiert sind – manchmal kann uns diejenige Person am besten helfen, die wir morgens im Spiegel sehen“, sagt Riccarda und fügt hinzu: „Wir nennen das ‚Life-Based Learning‘. Das ist ganz praktisch und lebensnah.“

„Denn das größte Problem beim Lernen ist doch die Motivation. Menschen lernen nur, wenn sie motiviert sind. Und die beste Motivation haben wir, wenn der Lerninhalt einen Bezug zu unserem Leben hat.“