In Europa finanzieren sich Unternehmen überwiegend aus ihren Barrücklagen und Gewinnen. Den externen Kapitalbedarf decken sie hauptsächlich durch Kredite. An externes Eigenkapital denken sie selten. Warum eigentlich?

Von Debora Revoltella, Chefvolkswirtin der Europäischen Investitionsbank

Mit einem kleinen Experiment wollten wir herausfinden, warum nur ein Prozent der europäischen Unternehmen bei ihrem Finanzierungsmix an externes Eigenkapital denkt. Denn dieser Zustand ist alarmierend. Europa muss dringend neue Anreize für Unternehmen entwickeln, damit die Wirtschaft widerstandsfähiger wird und Innovationen vorankommen.

Doch Europa verschließt sich der Realität. Firmen finanzieren Investitionen vorwiegend intern. Der Fremdfinanzierungsanteil liegt bei weniger als 40 Prozent, wobei Bankdarlehen und Leasingfinanzierungen dominieren. Unternehmer glauben, dass sie auch ohne den verwässernden Einfluss von externem Eigenkapital wachsen können. Die Folge: Sie setzen auf eigene Mittel und Bankdarlehen und nehmen dafür ein relativ schwaches Wachstum in Kauf.

Wir von der Europäischen Investitionsbank machten dazu die Probe aufs Exempel: Wir schlugen 973 ausgewählten europäischen Unternehmen für ihre geplanten Investitionen zwei unterschiedliche Finanzierungslösungen vor. Die Unterschiede lagen in den Beträgen, Zinssätzen, Laufzeiten, Besicherungsanforderungen sowie Nachrangigkeits-/Eigenkapitalmerkmalen (weitere Einzelheiten enthält unser Arbeitspapier).

Die Ergebnisse waren verblüffend. Unternehmen waren bereit, einen Zinsaufschlag von 880 Basispunkten für ihren Kredit zu zahlen, um externes Eigenkapital und damit die Mitsprache Dritter zu umgehen. Sie akzeptierten also 8,8 Prozent höhere Zinsen, um keine Anteile ausgeben zu müssen – ein teurer Spaß. Selbst für ein Darlehen mit einer geforderten Besicherung von 100 Prozent wurden bereitwillig rund fünf Prozent mehr Zinsen in Kauf genommen.

Was sind den Unternehmen ihre Wunschfinanzierungen wert?

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Und warum ist das schlecht für Europa? Weil letztlich die Gesellschaft die Zeche zahlt. Das sind die Ergebnisse unserer Nachforschungen:

  • Firmen, die vor der Finanzkrise stärker verschuldet waren, hatten es in den Krisenjahren schwerer. Das wird auch so sein, wenn die nächste Krise kommt.
  • Kredite eignen sich nicht zur Finanzierung von immateriellen Investitionen und Innovationen. Banken lieben Sicherheiten. Sie vergeben nur ungern Kredite für die Anschaffung immaterieller Vermögenswerte, die für Innovationen jedoch enorm wichtig sind. Wir haben herausgefunden: Firmen mit einem breiten Mix (z. B. Handelskredite, Bankdarlehen, Zuschüsse und Eigenkapitalfinanzierungen) investieren stärker in immaterielle Werte und Innovationen.
  • Innovation bedeutet Risiko. Deshalb sind Eigenkapitalfinanzierungen so wichtig, und deshalb sind Kredite, die ja regelmäßig bedient werden müssen, weniger geeignet. Zudem hinkt Europa bei Innovationen hinter den USA her. Es gibt vor allem zu wenige kleine und junge hochinnovative Unternehmen. Einer der Gründe könnte fehlendes Wachstumskapital sein.

Sind Kredite also wirklich die richtige Wahl?

In unserem Experiment wählten die Firmen in 80 Prozent der Fälle die Kreditfinanzierung. Details dazu enthält der jährliche Investitionsbericht der Europäischen Investitionsbank. Darin wird erklärt, warum so viele europäische Unternehmen auf Kreditfinanzierungen zurückgreifen und so wenig externes Eigenkapital nachfragen.

Die Abneigung gegen die Eigenkapitalfinanzierung ließ sich durch keine andere von uns getestete Variable erklären – auch nicht durch Wirtschaftstheorien. Wir haben allerdings einige Ideen, wie sich die Situation verbessern ließe.

Was kann getan werden?

Zunächst sollten die europäischen Regulierungsbehörden einheitliche Bedingungen für Eigenkapitalfinanzierungen schaffen. Fremdkapitalzinsen sind gewöhnlich steuerlich abzugsfähig. Gewinne werden besteuert, ebenso Dividenden auf Kapitalbeteiligungen.

Des Weiteren müssen wir die Kapitalmarktunion vorantreiben, damit ein echter Binnenmarkt und ein grenzüberschreitender europäischer Markt entstehen können. Vor allem Private-Equity- und Risikokapitalfinanzierungen sollten dabei ins Rampenlicht rücken. Die Dominanz der Bankfinanzierung verdrängt die Eigenkapitalfinanzierung – auf Kosten derjeniger Unternehmen, für die Eigenkapital viel besser geeignet wäre. Ein Börsengang ist natürlich auch eine gute Möglichkeit, eignet sich aber kaum für kleinere Unternehmen, die doch eher Kapitalbeteiligungen vorziehen.

Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, werden Unternehmen umdenken. Dann ist der Weg frei für eine bessere Innovationsfinanzierung in Europa.