Die Zeit ist reif: In der bosnischen Hauptstadt verkehren seit der Winterolympiade 1984 dieselben Straßenbahnen. Die EU fördert eine bessere städtische Infrastruktur. Damit senkt sie Emissionen und bekämpft den Klimawandel

Sarajevos betagte Straßenbahnen bleiben gerne mal liegen. Dann muss sie Hidajet Šarić rückwärts zum Wartungsdepot fahren. Unfälle sind so fast vorprogrammiert, denn der Fahrer hat kaum Sicht nach hinten. Neue Wagen gab es das letzte Mal kurz vor den Olympischen Winterspielen 1984.

„Viele Straßenbahnen, die ich fahre, sind dieselben, mit denen ich als Kind gefahren bin“, meint Šarić. Und er ist 46.

Ein neuer Finanzierungsvertrag, den die Europäische Investitionsbank im März mit dem bosnisch-herzegowinischen Finanzministerium unterzeichnet hat, soll deshalb den städtischen Verkehr im Kanton Sarajevo zukunftsfähig machen. Mit den 40 Millionen Euro wird das Straßenbahn- und Oberleitungsbusnetz modernisiert und erweitert. Die alten Wagen werden ersetzt, neue Linien gebaut und neue Schienen verlegt.

Ein besserer städtischer Verkehr bedeutet weniger CO2‑Emissionen und weniger Luftverschmutzung, vor allem in Großstädten. Es geht aber nicht nur um Klimaschutz. Coronabedingte Reisebeschränkungen und Lieferausfälle haben dem Sektor schwer zugesetzt. Modernisierung und Dekarbonisierung blieben dabei auf der Strecke.

Das trifft ganz besonders auf den Westbalkan zu, wo ein Investitionsstau seit Jahrzehnten moderne sozial, umwelt- und klimaverträgliche Verkehrssysteme ausbremst.

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Das Ziel: Besser leben und pendeln in Sarajevo

Mit ihren Finanzierungen macht die Europäische Investitionsbank das Leben der Menschen in der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas und den umliegenden Ortschaften leichter und sicherer.

„Die Europäische Investitionsbank unterstützt ein Projekt, das wichtig für die Menschen in Sarajevo ist, aber auch für alle, die die Stadt besuchen. Dafür sind wir ihr dankbar”, erklärte der bosnisch-herzegowinische Finanzminister Vjekoslav Bevanda bei der Darlehensunterzeichnung im März.

Eine moderne Straßenbahn macht die Stadt sauberer und grüner

Wird der öffentliche Verkehr effizienter und zuverlässiger, steigen mehr Menschen vom eigenen Pkw auf ein öffentliches Verkehrsmittel um. Pendelzeiten, Luftverschmutzung, Lärmbelästigung und Unfallzahlen gehen zurück. Auch der Fahrkomfort steigt, denn die alten Straßenbahnen sind marode und haben keine Klimaanlage.

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Adnan Šteta, Verkehrsminister des Kantons Sarajevo ©webalkans.eu

„Wir mussten etwas gegen die Luftverschmutzung in der Stadt tun“, erklärt Adnan Šteta, Verkehrsminister des Kantons Sarajevo. „Das ist der Hauptgrund für das Modernisierungsprojekt. Mit dem neuen Liniennetz und Wagen neuester Technologie steigern wir die Zahl der Fahrgäste im öffentlichen Verkehr. Dadurch haben wir weniger Staus, und Sarajevo wird sauberer und grüner.“

Das Projekt trägt zur EU-Strategie für den westlichen Balkan bei und zu den Klimazielen der Europäischen Investitionsbank für die Region.

„Die Coronakrise hat unsere Prioritäten als Bank der EU verändert: Wir müssen einen grünen Wiederaufbau nach der Pandemie sicherstellen“, meint Lilyana Pavlova, die als EIB-Vizepräsidentin die Aufsicht über Finanzierungen im Westbalkan führt. „Nachhaltige Mobilität ist ein Schritt in die richtige Richtung. Entsprechend freut uns diese Finanzierung für eine so wichtige Investition in der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas. Die Stadt kann sich so an den Klimawandel anpassen und seine Folgen abfedern.”

Nachhaltige und intelligente Mobilität für den Bedarf von morgen

Ihre Jungfernfahrt hatte die Straßenbahn Sarajevo am Neujahrstag 1885 – damals noch als Teststrecke der österreichisch-ungarischen Verwaltung, bevor die neue Technik in Wien eingeführt wurde. Den Sicherheitstests für die Prototypen der neuartigen Stromversorgung und Beförderungsmittel ist es zu verdanken, dass Sarajevo noch vor der Hauptstadt des Kaiserreichs und vielen anderen Städten Europas Straßenbeleuchtung und ein Straßenbahnnetz hatte. Das Netz überdauerte mehr als ein Jahrhundert und sogar zwei Weltkriege.

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Die Europäische Union ist sich dieses Erbes bewusst und unterstützt Sarajevo auf seinem Weg zu einem nachhaltigeren städtischen Verkehr gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

„Städtische Mobilität und ein nachhaltiger, grüner öffentlicher Personenverkehr stehen ganz oben auf der Agenda der Europäischen Union“, erklärt Johann Sattler, Leiter der EU-Delegation und EU-Sonderbeauftragter in Bosnien und Herzegowina. „Dieses Projekt fördert die Umstellung auf einen umweltfreundlicheren öffentlichen Verkehr und bietet den Menschen in Sarajevo erschwingliche, zugängliche, gesunde und saubere Alternativen.”