Vasyl Tsvyk ist überzeugt, dass sein ukrainischer Ziegenkäse mit Produkten westeuropäischer Großkäsereien mithalten kann

Vasyl Tsvyk fertigt seinen Ziegenkäse nach handwerklicher Tradition. Und er glaubt, dass er mit den Großkäsereien aus Westeuropa konkurrieren kann. Schließlich hat er starke Partner, die ihm helfen: 2 700 Alpen- und Saanenziegen, Molkereifachleute und Experten aus Frankreich, die ihn anleiten und beraten.  „Wir haben in der Ukraine gelernt, wie man Käse herstellt, der genauso gut ist wie europäischer Käse“, sagt er selbstbewusst.

Tsvyk ist seit 2011 Eigentümer des Landwirtschafts-, Gartenbau- und Molkereibetriebs Tetiana, der rund 100 Kilometer von Kiew entfernt liegt. Der Hof hebt sich in einem Punkt von den vielen hundert anderen Milchviehbetrieben in der Ukraine ab: Seine Erzeugnisse sind aus Ziegenmilch. Ziegenkäse ist in der Ukraine recht neu – und manche haben Zweifel, dass er sich durchsetzt.

 „Das hat bei uns keine Kultur oder jedenfalls kaum“, gibt Tsvyk zu und fügt an, dass es auch an Fachleuten mangelt, die Betriebe oder Produkte aus Ziegenmilch bewerten. Als das Unternehmen vor sechs Jahren begann, Ziegenmilch zu produzieren, schickte er seine Leute erst einmal für drei Monate zum Praktikum nach Frankreich.

„Unsere Anlagen stammen aus der Schweiz, die Ziegen kommen aus Frankreich“, sagt Tsvyk. „Außerdem haben wir die besten Verfahren aus Europa übernommen.“

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Die Ziege Zinka

Tetiana vertreibt seinen Ziegenkäse und andere Produkte unter der Marke Zinka – in der Ukraine ein typischer Name für eine Ziege. Zinka wird über bekannte Supermarktketten im ganzen Land verkauft. „Trotz der alten Wurzeln unseres Markennamens knüpfen wir geschäftlich eher an das moderne Europa und seine Erfahrung in der industriellen Ziegenhaltung an“, sagt Tsvyk.

Tetiana nimmt auch an Fachausstellungen in Frankreich teil und ist europaweit in der Branche gut bekannt. 2020 erhielt das Unternehmen einen Kredit über 10,7 Millionen Hrywnja (300 000 Euro) von der Oschadbank, mit der die Europäische Investitionsbank in der Ukraine zusammenarbeitet.

Tetiana verbindet europäische Produktionsmethoden mit dem satten ukrainischen Weideland und berücksichtigt auch kulturelle Unterschiede. Tsvyk hat von Westeuropa viel gelernt, passt sein Angebot aber an den ukrainischen Markt an. Er ist quasi zum Experten für Unterschiede in der französischen und ukrainischen Landwirtschaft geworden und hat sich als Vermarkter von Ziegenmilchprodukten in der Ukraine einen Namen gemacht.

In Frankreich wäre es beispielsweise kaum vorstellbar, dass ein Hof 20 Sorten Käse und 15 weitere Milchprodukte herstellt. Dort verkauft ein Betrieb in der Regel nur zwei oder drei Sorten Käse, Milch und Joghurt.

In der Ukraine ist der Markt viel fragmentierter, ebenso wie die Produktion. „Hier läuft alles ein bisschen anders: Wir haben eine Mühle, eine Käserei und noch irgendwas“, sagt Tsvyk und scherzt darüber, wie sich sein Hof von französischen Betrieben unterscheidet, die schmaler aufgestellt sind.

Der Markt für Ziegenmilchprodukte steckt in der Ukraine noch in den Kinderschuhen. Deshalb muss Tetiana eine breite Auswahl an Produkten anbieten, bis sich zeigt, was die Kundschaft am liebsten mag. In Zukunft wird das Unternehmen dann vielleicht nur noch zwei oder drei Sorten Käse anbieten. „Wir sehen schon jetzt, welche Produkte vorne liegen“, so Tsvyk.

Dabei muss er auch erkennen, dass die Menschen in der Ukraine einen anderen Geschmack haben als in Frankreich. Nicht wenige haben Vorbehalte gegen Ziegenmilch, auch wegen ihres speziellen Geruchs. Obwohl Ziegenkäse dezenter riecht als viele französische Käsesorten, muss sich der „Stinkekäse“ in der Ukraine erst noch durchsetzen.

 „Wenn Camembert stark nach Ammoniak riecht, rümpfen die Leute hier die Nase und behaupten, er sei verdorben“, erklärt Tsvyk. „Französische Käseliebhaber würden wohl sagen: Der trifft genau meinen Geschmack!“

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Kapital für weiteres Wachstum

Tetiana ist Branchenführer in der Ukraine. 2019 erzeugte das Unternehmen 700 Tonnen Ziegenmilch. Das ist mehr als die Hälfte der Gesamtproduktion des Landes von 1 200 Tonnen. Und der Betrieb wächst kräftig weiter – 2020 stieg die Produktion um etwa 50 Prozent auf fast 1 000 Tonnen.

Trotzdem ist Tetiana mit seinen rund 80 Beschäftigten immer noch relativ klein. Es ist ein Familienbetrieb, in dem auch Tsvyks Eltern mitarbeiten und seine Tochter in den Schulferien mithilft.

Den Kredit von der Oschadbank verdankt die Molkerei einer größeren Initiative zur Förderung kleiner und mittelgroßer Unternehmen: 2017 unterzeichnete die EIB-Gruppe eine Garantievereinbarung mit der Oschadbank. Die EIB sichert danach Kredite an kleine Unternehmen, die üblicherweise risikoreicher sind, zu 70 Prozent ab. Dadurch kann die Oschadbank mehr Kredite an diese Kunden vergeben und dies auch noch zu günstigeren Zinsen und gegen weniger strenge Sicherheiten.

„Die Kredite waren attraktiv und deshalb im Vergleich zu den üblichen Krediten sehr gefragt“, sagt Natalia Butkova-Vitvitska, die das Kreditgeschäft der Oschadbank mit kleinsten, kleinen und mittelgroßen Unternehmen leitet.  „Für diesen Kundenkreis sind die Kosten ein ganz wichtiger Faktor!“

Die Zusammenarbeit im Rahmen der Initiative EU4Business ermöglicht Kredite von insgesamt rund 50 Millionen Euro an kleinere Firmen in der Ukraine. „Damit will die Europäische Union die Entwicklung des Privatsektors und das Wirtschaftswachstum im Land fördern“, sagt Frederik Coene, der bei der EU-Delegation in der Ukraine die Zusammenarbeit koordiniert.

Die Europäische Investitionsbank hat in den letzten Jahren Investitionen von rund einer Milliarde Euro im ukrainischen Privatsektor unterstützt. Für die EU4Business-Initiative hat sie neben der Oschadbank noch weitere Partnerbanken im Land, darunter die Raiffeisen Bank, die ProCredit Bank und die Ukrgasbank.

„Hilfen für kleine und mittelgroße Unternehmen wie Tetiana zählen zu den Prioritäten der EIB-Gruppe. Mit unseren Finanzierungen fördern wir die Wirtschaft, Innovation und Beschäftigung in der Ukraine“, so Luca Ponzellini, der stellvertretende Leiter des Kreditgeschäfts der EIB in Nachbarländern der EU.

Auch Tsvyk will seine Produktion weiter ausbauen – von derzeit etwa 2,5 Tonnen Milch pro Tag auf bis zu 40 Tonnen innerhalb der nächsten sechs bis sieben Jahre. Und er will neue Exportmärkte wie den Nahen Osten erschließen. Dazu braucht er natürlich Geld.

„Unsere Pläne sind in allen Bereichen sehr ehrgeizig, von der Produktion über die Verarbeitung bis zum Vertrieb“, sagt er. „Außerdem möchte ich einen schlagkräftigen Verband aufbauen, um unsere Produkte besser bekannt zu machen und die Ziegenmilchkultur in der Ukraine zu stärken.“